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  • ‘Fehler’ in der Wissenschaft als Vorbild für unsere Studis

    Verfasst von boris am 02.07.2014
    Hochschul- und Wissenschaftspolitik

    Ich hab mich mal wieder ein wenig weitergebildet, um ein noch besserer Dozent zu werden, als ich es ohnehin schon bin. Thema war die Kreativität und Selbständigkeit von Studis – also leider oft ein Ideal. Dabei ging es natürlich auch darum, dass wir als Dozenten den Studis ein Beispiel sein sollten. Da ich gerne diskutiere, fragte ich mich und die Gruppe irgendwann, ob wir nicht in der Forschung im Sinne der Vorbildfunktion viel falsch machen, weil wir dort keine ‘Fehler’ publizieren. Was meine ich damit?

    Ich betreue zurzeit hauptsächlich Seminare und statistische Methodenkurse – ich bin als Befürworter einer qualitativeren Forschung also irgendwie ein gärtnernder Bock – und dabei hab ich es oft mit Studis zu tun, die ziemlich aufgelöst sind, da sie Hypothesen hergeleitet haben, diese danach in SPSS oder SmartPLS empirisch prüften und dann mehr als die Hälfte dieser Hypothesen verwerfen müssen. Das ist natürlich schade. Aber ist es schlimm? An sich nicht. Ziel war es ja, dass sie lernen, wie man konzeptionell und empirisch arbeitet. Wenn dann die Hypothesen logisch und elegant hergeleitet wurden, sauber gerechnet wurde und schließlich sinnvoll diskutiert wird, wieso denn die Ergebnisse vielleicht doch anders aussehen als gedacht, sehe ich in solch einer Situation kein Problem. Aber wieso ist es ein Problem für unsere Studis oder warum nehmen sie es als ein Problem war?

    Ich denke, zum Teil weil unsere Publikationen ein schlechtes Beispiel sind. Denn, was sieht man dort? Oft Beiträge, in denen fast 100% der Hypothesen angenommen werden. Und da wag ich mal zu behaupten, dass dies, erstens, oft ein leicht datengetriebenes Ergebnis ist. Zweitens ist es aber auch ein Selektionsergebnis, da nicht angenommene Hypothesen tendenziell nicht publiziert werden (können).

    Dies ist natürlich erst mal wissenschaftlich ein Problem, da man aus Fehlern lernt. Durch das Nichtpublizieren der falsifizierten Hypothesen oder der fehlgeschlagenen Experimente kann dieser Lernprozess aber nicht eintreten. Vor allem aber ist die Erkenntnis, dass unter bestimmten Bedingungen einen Zusammenhang nicht bestätigen kann oder ein Experiment nicht glückt, auch eine Erkenntnis. Dies mag vielleicht in den Wirtschaftswissenschaften noch lapidar klingen, wenn man sieht, dass in Branche xy kein signifikanter Zusammenhang zwischen radikalen Innovationen und dem Unternehmensgewinn existiert. Es wird aber spätestens spannend, wenn beobachtet wird, Keramik xy ist bei 1000 K thermisch nicht stabil und eigentlich überlege wurde, mit Steinen aus dieser Keramik einen Industrieofen auszukleiden oder aus ihr Kacheln für den Hitzeschutz einer Raumfähre zu sintern. Für die Wissenschaft relevant sind aber nicht bestätigte Hypothesen oder fehlgeschlagenen Experimente auch, da Theorien schließlich nur Falsifiziert werden können. Nur der Fehlschlag ist somit eine Erkenntnis.

    Aber das Unterdrücken fehlgeschlagener wissenschaftlicher Gedankengänge ist auch ein schlechtes Beispiel für unsere Studis. Sie sehen immer nur ‘erfolgreiche’ Versuche und sehen nicht, dass Versuche auch scheitern können und dies eher die Regel als ein Weltuntergang ist; gerade, wenn sich vorher wissenschaftlich und sauber mit dem Thema beschäftigt wurde. Sie sehen nicht, dass auch ein gescheiterter Versuch oder eine nicht angenommene Hypothese ein Ergebnis des Forschungsprozesses ist.

    Wieso hat dies nun etwas mit Kreativität und Eigenständigkeit zu tun? Kreativität bedeutet, dass irgendwie mal was Neues probiert oder gedacht wird. Und dieses Neues kann eben ‘scheitern’, da es eben außerhalb des bisherigen Horizontes liegt und es somit unsicher ist. Wenn Studis aber nun sehen, dass ihre Dozenten nie scheitern, werden sie versuchen, selbst auch nicht zu scheitern. Sie werden also versuchen, Risiken zu minimieren und somit im möglichst geringen Maße kreative Ideen hervorzubringen. Sie werden Experimente folglich nur inkrementell abzuwandeln und Hypothesen nahe an der bisherigen Literatur oder den Daten entwickeln. Auf diese Weise sorge ich als Dozent und Vorbild natürlich auch nicht für eine sonderliche Eigenständigkeit der Studierenden, da sie sich nach allen Seiten versuchen werden abzusichern, um Fehler zu vermeiden: Indem sie sich möglichst genau an berechenbare Bewertungsschemata halten, sich in der Theorie den Ergebnissen anpassen …

    Ich denke, es wäre für die Lehre und die Forschung sinnvoller, mehr Publikationskanäle zu haben, in denen ‘gescheiterte’ Experimente und nicht angenommene Hypothesen präsentiert werden können. Nur so kann gezeigt werden, dass dies zur Wissenschaft zwingend dazugehört und damit keinen Weltuntergang darstellt. Und natürlich müssen diese Ergebnisse auch in der Karriere angerechnet werden; die Seminararbeit oder Abschlussarbeit der Studis muss schließlich in deren akademischer Karriere auch angerechnet werden. Würden Fehler bei uns nicht oder negativ zählen, würde dies in der Beispielfunktion für die Studis bedeuten, dass Fehler zwar erlaubt wären, aber nicht, wenn es um die eigene Karriere geht. Sie würden also wieder den Druck empfinden, diese zu verwischen.

    Wir müssen also meines Erachtens vor allem zeigen und vorleben, dass es sich bei nicht angenommenen Hypothesen und bei Experimenten ohne gewünschten Ergebnissen gerade nicht um Fehler handelt, solange der dahinter stehende wissenschaftliche Prozess qualitativ in Ordnung war.

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