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  • Coopetition als Sozialisation des Unternehmens?

    Verfasst von boris am 17.07.2014
    Forschung

    Der Herausgeber des Blick Logs, eines Blogs über Wirtschaft & Co hat, sich in letzter Zeit öfter mit Edward O. Wilson, einem der bekanntesten Sozialbiologen und Evolutionstheoretiker, beschäftigt (z.B. hier oder hier). Hierbei hat sich Dirk Elsner auch kurz mit Wilsons Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ beschäftigt (nämlich hier), dessen Lektüre ich mich im letztem Jahr auch nicht entziehen konnte. In diesem Buch geht es darum, dass Evolution vielleicht doch nicht nur die Geschichte des egoistischen Gens ist, sondern ein sozialer Aspekt die Evolution bestimmt. Wilson argumentiert, dass man davon ausgehen kann, dass eine erfolgreichere Evolution stattfindet, wenn Egoisten auf einmal kooperieren und ihren eigenen Nutzen dem der Gruppe unterordnen. So beschreibt er als ‚geborener‘ Ameisenforscher ausgiebig, dass hier zahlreiche Individuen – und dabei nicht nur die einer einzigen Familie – ihre eigene Fortpflanzung hinten anstellen, um die Fortpflanzung der Gruppe zu fördern. Dies überträgt er natürlich auch auf höhere Lebensformen. Kurz, er zeigt quasi auf, dass Gruppen oft erfolgreicher als Individuen sind und eine Gruppe von Altruisten als Ganzes erfolgreicher als eine Gruppe von Egoisten ist. Soziale Aspekte (also eine eher altruistische Kooperation) helfen also in der Evolution erfolgreich zu sein.

    Nun gibt es in den Wirtschaftswissenschaften das Phänomen der Coopetition – ein Neologismus aus cooperation und competition –, welche die Kooperationen von Konkurrenten beschreibt. Auf höherer Ebene tun sich also die USA und Russland zusammen, um zur Mir oder jetzt ISS zu fliegen und auf niederer Ebene kooperieren halt VW und Ford, um in den 90ern auch ein Van auf den Markt zu bringen. Jetzt fragen sich viele Betriebswirte oft, wie man nur auf die Idee kommen kann, mit dem Konkurrenten zu kooperieren? Denn das Dogma der BWL ist (leider) oft immer noch der homo oeconomicus; ein egoistischer Nutzenmaximierer (ich mag ich nicht), der irgendwie auf der Stufe stehen geblieben ist, als der Mensch noch dem Menschen ein Wolf war und der Leviathan noch nicht durch den Menschen geschaffen worden war.

    Wenn wir nun aber die Idee der sozialen Eroberung der Erde mal auf die Unternehmensebene übertragen, macht die Coopetition Sinn: der Zusammenschluss von Konkurrenten erlaubt diesen im die Kooperation betreffenden Gebiet durch das Bündeln von tendenziell ähnlichen Ressourcen erfolgreicher zu sein als Unternehmen, die für sich alleine bleiben. In unserem Autobeispiel war es glaube ich so, dass Renault in den 80ern mit den Espace den ersten Van auf den Markt geworfen hatte und die anderen Autobauer irgendwann mitbekommen haben, dass dies ein durchaus interessanter Markt sein könnte, in den diese aber irgendwie mit einem guten Jahrzehnt Rückstand eindringen mussten; ein Punkt, wo sich die Ressourcenbündlung also lohnt.

    Wenn nun Wilson also von der sozialen Eroberung spricht und beschreibt, wie Individuen kooperieren, frage ich mich, ob eine Coopetition nicht irgendwie so etwas wie ein soziales Verhalten von Unternehmen ist? Denn wir sehen, dass sich Unternehmen zusammentun, einen Teil ihres egoistischen Handelns hinten Anstellen, auf gewisse Potentiale erst einmal verzichten, dafür aber gemeinsam mit einem (ehemaligen) Konkurrenten versuchen, erfolgreich den unternehmerischen Evolutionsprozess zu bestreiten. Die soziale Eroberung des Marktes also.

     

    PS: Wer nun sagt, ein Unternehmen kann per se nicht sozial sein, weil es kein (höheres) Lebewesen ist, dem möchte ich die Argumente der von mir geschätzten Akteur-Netzwerk-Theorie ans Herz legen, für welche das Soziale schlicht „nothing other than patterned networks of heterogeneous materials“ ist (Law, 1992, S. 381). Hiermit unterscheidet sie konzeptionell nicht zwischen Menschen und Nicht-Menschen, zwischen Mirko- und Makroakteuren (also z.B. Organisationen), sondern betrachtet alles als einen (sozialen) Akteur, was in der gegebenen Situation den Unterschied verursacht (Latour, 1991, 2002, 2010; Law, 1992).

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    Law, J. (1992): Notes on the theory of the actor-network: Ordering, strategy, and heterogeneity. Systems Practice, Band 5(4), 379-393.

    Latour, B. (1991): Technology is society made durable. In J. Law (Hrsg.), A sociology of monsters. Essays on power, technology and domination. The Sociological Review Monographs, Band 38 (S. 103–131). London: Routledge.

    Latour, B. (2002): Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft (1. Auflage). suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 1595. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Latour, B. (2010): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie (1. Auflage). suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 1967. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Wilson, E.O. (2013): Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen. C. H. Beck.

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