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  • Wissenschaftscontrolling und Wissenschaftler/innen, die alle 5 Tage veröffentlichen können

    Verfasst von boris am 18.09.2018
    Hochschul- und Wissenschaftspolitik

    Vor einiger Zeit bin ich an dieser Stelle schon einmal auf das Phänomen der Noteninflation eingegangen: Unsere Studis werden gemäß ihrer Abschlussnoten immer besser (Wissenschaftsrat 2012). Dies dürfte aus meiner Sicht stark darauf zurückzuführen sein, dass der Fokus bei der Einstellung von Berufsanfänger/inne/n immer stärker auf den Noten und nicht auf qualitativen Kriterien wie dem Studieninhalt,… liegt. In Folge wird an dieser Stelle optimiert, Druck auf die Hochschule ausgeübt und so weiter. Analog ist es bei den Wissenschaftler/inne/n ebenfalls so, dass diese immer stärker controllt werden. Ein neolieberaler Staat will schließlich wissen, welche Wissenschaftler/innen (vermeintlich) forschungsstark sind, wozu ein Wissenschaftscontrolling eingeführt werden muss. Ziel ist es hierüber, diesen leistungsstarken Wissenschaftler/inne/n mehr Ressourcen zuzuweisen, als anderen. Dazu werden v. a. Veröffentlichungen aber auch Drittmittel, Ausgründungen und so fort gezählt. Mit einem Blick auf die Literatur des kritischen Accountings wird aber schnell offensichtlich, dass solch ein Controlling schnell problematisch wird: Betrachtete Subjekte richten sich rasch lediglich am Controllingmaß, nicht aber an den dahinterliegenden Zielen aus, um ihre Auszahlung zu optimieren (etwa Townley 1993).

    In der aktuellen Nature-Ausgabe wird eine leistungsorientierte Inflation anschaulich mit Bezug auf den Output von Wissenschaftler/nnen dargestellt, den Publikationen. So beschreiben Ioannidis et al. (2018) hyperproduktive Autor/inn/en, die es schaffen, auf mehr als 72 Publikationen pro Jahr zu kommen. Um es sich auf der Zunge zergehen zu lassen: Das ist alle 5 Tage 1 Publikation! In der Zeit zwischen 2000 und 2016 konnten mehr als 9000 Personen identifiziert werden, die eine solche Publikationsstärke vorweisen konnten. Interessanterweise sind nach Bereinigungen (etwa dem Ausschluss von Forschungsbieten wie der Teilchenphysik) des Datenmaterials Autor/inn/en aus Deutschland und Japan überrepräsentiert. Vor allem kann aber beobachtet werden, dass die Anzahl der hyperproduktiven Autor/inn/en nach Bereinigung mit der Zeit stark zugenommen hat: von 4 im Jahr 2002 über 39 im Jahr 2008 zu 81 im Jahr 2016 (Ioannidis et al. 2018).

    Da in dieser Zeit die Hochschulen – gerade auch in Deutschland – immer stärker im Sinne eins modernen, neolieberalen Betriebs – siehe dazu etwa das Hochschulgesetz unter Pinkwart in NRW, welches sich in weiten Teilen an den Vorschlägen der Bertelsmann Stiftung orientierte (Laak, Schulz 2015) – organisierten, liegt die Annahme nahe, dass die Zunahme der hyperproduktiven Autor/inn/enschaften auch eine Anpassung der Wissenschaftler/innen an die hierbei eingeführten Controllinginstrumente zur Leistungsbeurteilung dieser darstellt. Da die Verteilung von Ressourcen an Wissenschaftler/innen immer stärker am wissenschaftlichen Output orientiert wird, maximieren die Wissenschaftler/innen halt ihren Output, nicht aber etwa die Outputqualität. Im Extrem kommen dabei Outputmengen, wie die hier aufgezeigten, heraus, die sehr sportlich anmuten.

    Um diese Fehlsteuerung zu beheben, sind daher in erster Linie die Kriterien zu hinterfragen, nach denen Wissenschaftler/innen beurteilt werden, wenn sie in ihrer Karriere fortschreiten wollen. Bewerber/innen bei Berufungen einfach nur im Sinne des ‚publish or perish‘ nach der Anzahl der Publikationen zu reihen, sorgt, wie zu sehen, dafür, dass die Anzahl der Publikationen optimiert wird. Analoges gilt etwa für die Höhe der eingeworbenen Drittmittel. Nur eine ausgiebige und vor allem eine leider aufwändige, an qualitativen statt quantitativen Kriterien ausgerichtete Begutachtung kann einer solchen Inflation entgegenwirken und damit auch zu der Berufung wirklich guter Wissenschaftler/innen führen. Analoges gilt bei der Allokation von Forschungsressourcen innerhalb der Wissenschaftsorganisationen bzw. zwischen dem Staat und diesen. Auch hier sollte das Augenmerk wieder mehr auf qualitativen statt quantitativen Kriterien liegen. Nur so können wirklich gute Leistungen und nicht nur gute Anpassungen honoriert werden.

    Eine weitere ethische Frage ist stets diese, wer eigentlich Autor/in einer Publikation sein sollte? Gerade in der Teilchenphysik kommen schon einmal zwischen 100 und 1000 Autor/innen zusammen, da die Experimente (CERN) sehr aufwendig sind. Aus diesem Grund wurde obige Studie von Ioannidis et al. (2018) auch um etwa Teilchenphysiker/innen bereinigt. In diesem Wissenschaftsgebiet aber auch allgemein außerhalb dieses Extrembeispiels kann und sollte hinterfragt werden, was zu einer Autorenschaft qualifiziert (und warum dann bei generösen Auslegungen eigentlich immer nur Wissenschaftler/innen und nicht auch Techniker/innen bedacht werden)? So betrachtet das International Committee of Medical Journal Editors (o. J.) zum Beispiel Mentoring, Supervision und das Einwerben von Geldern nicht als Kriterium, um Autor/in zu werden. Gerade an dieser Stelle werden aber gerne Autorenschaften an senioritäre Wissenschaftler/innen vergeben, die jedoch an dem Publikationsprozess nicht mitgewirkt haben. Ähnliches gilt für Autor/inn/enschaften, die aus Gefälligkeit vergeben werden. Neben der ethischen Beurteilung ist es auch urheberrechtlich fraglich, ob Menschen Autor/inn/en sein können und sollten, die an den Artikeln gar nicht mitgeschrieben haben. Gemäß obig dargestellter Beurteilung der wissenschaftlichen Leistung ist es jedoch sehr lohnend, Autor/in auf möglichst vielen Publikationen zu sein, auch wenn kein (relevanter) Beitrag geleistet wurde: So stehe ich in einem quantitativen Controlling besser dar.

    In Summe gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass das Beurteilen der wissenschaftlichen Leistung anhand quantitativer Kriterien dazu führt, dass die Messkriterien zwar erfüllt werden, die Erfüllung der Ziele jedoch fraglich ist. Aus wissenschaftspolitischer Sicht würde daher eine Revision der gängigen Beurteilungspraxis von Nöten sein.

     

    Quellen:

    International Committee of Medical Journal Editors. Defining the Role of Authors and Contributors. o. J.
    • Ioannidis J P A, Klavans R, Boyack K W. The scientists who publish a paper every five days. Nature 2018; 561: 167-169.
    Laak C, Schulz B. Wie Stiftungen die Bildungspolitik beeinflussen. Deutschlandfunk am 03.07.2015.
    • Townley B. Foucault, Power/Knowledge, and its Relevance for Human Resource Management. Acad Manag Rev 1993;18(3):518-45.
    Wissenschaftsrat. Prüfungsnoten an Hochschulen im Prüfungsjahr 2010. 2012 Drs. 2627-12.

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