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  • Der konservative Missbrauch von Karneval

    Verfasst von boris am 06.03.2019
    Allgemeinpolitik

    Während Karneval i. S. der Narr/inn/enfreiheit gerade auch dafür genutzt werden kann, den Mächtigen einen Spiegel vor zuhalten, scheint das politische Thema dieser Karnevalssession zu sein, die ohnehin schon Diskriminierten ein wenig weiter zu diskriminieren.

    Ein erster medial beachteter Aufschlag kam durch den für seinen feinsinnigen Humor nicht bekannten Karnevalisten Bernd Stelter, der meinte, dass Frauen von Standesbeamten vor Doppelnahmen gewarnt werden müssten. Ein niveauloser Witz, der in die Mitte des letzten Jahrhunderts gehört, als man noch wusste, dass Frauen mit Doppelnahmen eh nur so aufwieglerische Feministinnen sind. Zur Entschuldigung meinte Herr Stelter sich darauf berufen zu können, dass doch Karneval sei. Hier dürfe man also über alles Witze machen und über wen gewitzelt werde, der müsse halt mitlachen. Karneval ist aber gerade nicht die Beleidigung von Schwächeren, hier Frauen mit Doppelnahmen.

    Den Höhepunkt erreichte aber Frau Kramp-Karrenbauer – über die sich übrigens die Medien mit Genuss anlässlich ihres Doppelnamens lustig machen. Die CDU-Vorsitzende und womöglich nächste CDU-Kanzlerkandidatin meinte, über Intersexuelle herziehen zu müssen und diese als Männer, die nicht mehr wüssten, ob sie noch im Stehen pinkeln dürften, abtuen zu können. Abgesehen davon, dass ich mich als Mann von ihr angegriffen fühle, da ich mein Männlichkeitsbild nicht am Stehenpinkeln festmache, ist eine Intersexuelle Person mit Sicherheit nicht ein Mann, der in seiner Männlichkeit unterdrückt wird bzw. sich unterdrückt fühlt. Diese Diskreditierung von Intersexuellen ist eine Frechheit und kann sicherlich nicht wieder mit Karneval rechtfertigt werden. Gerade im Kontext von Frau Kramp-Karrenbauer muss hier auch darauf hingewiesen werden, dass sie nicht zum ersten Mal queere Menschen in den Medien diskreditiert. So hat sie in ihrer Zeit als Ministerpräsidentin etwa Homosexualität mit Inzucht gleichgesetzt und ferner einige Jahre später hinzugefügt, dass die Forderung nach der Einführung einer Homoehe auch zur Ehe unter engen Verwandten oder unter mehr als zwei Personen führen würde. Frau Kramp-Karrenbauer ist hier also zum einen auf einer Mission unterwegs. Zum andern wäre aber auch ohne Mission Karneval keine Ausrede für die Diskreditierung Intersexueller, da der Spiegel der Narrenfreiheit ja gerade nicht den ohnehin schon Diskriminierten vorgehalten werden soll sondern den Mächtigen.

    Aber apropos Medien. Frau Kramp-Karrenbauer hat ihre Rede vor den Kameras des SWR gehalten. Auch andere Medien waren bei der Karnevalsrede zugegen. Wie auf dem BILDblog aber berichtet wird, kam die Entrüstung jedoch erst auf, als ihre Aussage in einem Blogbeitrag thematisiert wurde. [1] In der Tat ist es erstaunlich, dass keine/r der anwesenden Medienvertreter/innen – oder zumindest der Qualitätsmedien – von selbst auf die Idee gekommen ist, diese Diskriminierung zu thematisieren sondern erst Entrüstung gegeben sein musste, bevor das Thema in den Medien Berücksichtigung fand. Es kann sogar vielmehr davon ausgegangen werden, dass wir hier mit einer Kampagne gegen Intersexuelle zu rechnen haben, [2] da durch den Bild Chef per Twitter verkündet wurde, dass er prognostiziert, dass die stärkste Partei bei der nächsten Bundestagwahl diese sein wird, die „am klarsten mit „Zwei!““ auf die Anzahl der Geschlechter antwortet. [3] Und wenn die Bild so etwas prognostiziert, kann schon damit gerechnet werden, dass sie gerne dabei hilft, diese Prognose auch wahr werden zu lassen. [2]

    Aber zurück zum Thema: Karneval. Ich selbst bin Rheinländer, der Rosenmontagszug bei uns im Dorf ging vor der Haustüre meines Elternhauses vorbei und ich bin auch mehrfach bei diesem Zug mitgezogen. Ich weiß also durchaus, was der rheinische Karneval ist. Und guter Karneval hat wenig damit gemein, sich über Schwache und ohnehin schon Diskriminierte lustig zu machen. Und wenn schlechte Karnevalisten und konservative CDU-Politikerinnen erzählen wollen, dass Diskriminieren und Diskreditieren im Karneval üblich sind, dann möchte ich dem widersprechen. Von solchen Leuten will ich mir nicht Karneval umdeuten und vor allem schlechtmachen lassen. Solchen Leuten darf Karneval nicht als Bühne zur Diskriminierung dienen.

     

    [1] BILDblog: Das Versagen der Medien bei AKKs Spott über intersexuelle Menschen

    [2] nollendorfblog: Nach AKK-Witz: BILD-Chef beschwört Wahlkampf gegen geschlechtliche Vielfalt

    [3] Julian Reichelt auf twitter

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